Gott schenkt das Wollen und Vollbringen
Hans-Peter Mumssen
Vor etlichen Jahren besuchte ich mit einer kleinen Reisegruppe die Times Square Church in New York, deren Pastor David Wilkerson war. David Wilkerson war ein sehr bekannter Prediger und Buchautor, eine christliche Berühmtheit. Nach dem Gottesdienst nahm er sich Zeit für ein Gespräch mit uns. Unter anderem erzählte er von seiner Mutter, einer gläubigen Frau mit einer starken Persönlichkeit. Sie lebte für Jesus Christus und auf ihn hin. Doch am Ende ihres Lebens bekam sie plötzlich Angst, sie könnte Gott nicht genügen. Diese Angst kannte ich auch. Habe ich genug gebetet, mich genug mit Gottes Wort beschäftigt, genug für andere getan, mich mutig genug für die Wahrheit des Evangeliums eingesetzt, genug den Missionsbefehl Jesu befolgt? War ich genug sanftmütig, barmherzig, selbstbeherrscht oder enthaltsam? Habe ich genug Liebe – und vor allem Retterliebe? Habe ich die Menschen oft genug vor dem Gericht Gottes gewarnt? Hinzu kommt noch: Habe ich mich genug um meine Familie gekümmert? Um die Gemeinde? Um meine Nachbarn?
David Wilkerson erzählte dann, dass die Botschaft der Gnade Gottes bei seiner Mutter ins Wanken geraten war. Solange sie stark war, fiel das nicht so auf. Doch nun, wo sie schwach wurde, kamen solche Fragen auf.
Nun können wir uns nicht einfach selbstgerecht zurücklehnen und sagen: „Gott ist ja gnädig – er erwartet nichts von mir.“ Auf der anderen Seite wird alles, was wir tun oder tun sollten, nie genug sein. Gibt es etwas zwischen Angst und Bequemlichkeit – zwischen Selbstgerechtigkeit und Selbstanklage? Ich denke, dass der Apostel Paulus mit folgenden Versen genau das beschreibt: Darum, meine Geliebten, wie ihr allezeit gehorsam gewesen seid, nicht allein in meiner Gegenwart, sondern jetzt noch viel mehr in meiner Abwesenheit, verwirklicht eure Rettung mit Furcht und Zittern; denn Gott ist es, der in euch sowohl das Wollen als auch das Vollbringen wirkt nach seinem Wohlgefallen. (Phil. 2,12-13 [Schlachter 2000])
Die Grundlage unseres Lebens ist Gottes Gnade, die er uns durch Jesus Christus schenkt. Auf dieser Grundlage bauen wir – das heißt, dass wir um Christi willen aktiv werden, das tun, was er uns sagt, und uns danach ausstrecken, in sein Wesen umgeformt zu werden. Doch wie weit wir auch immer in diesen Bestrebungen kommen, die Grundlage ist und bleibt Gottes Gnade. Sie geht uns nicht verloren. In gewissem Sinne sind wir unvollendet und vollendet zugleich.
Mit dieser Gewissheit und mit dem Streben, an Gottes Werk mitzuarbeiten, lasst uns in die zweite Jahreshälfte gehen.
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