Foto: Thorsten Berndt

"Die Gedanken sind frei"

Grünen-Politikerin Eka von Kalben im Gespräch im Christus-Zentrum Arche, Elmshorn
Die Gesprächsrunde (Foto: Thorsten Berndt)

„Ich habe den ZDF-Fernsehgottesdienst im August hier im Christus-Zentrum Arche live vor Ort miterleben dürfen und war begeistert von Ihrer Art, Gottesdienst zu feiern und Glauben zu leben“, eröffnet Eka von Kalben das Gespräch. Im Rahmen ihrer Religionstour ist sie als religionspolitische Sprecherin und Fraktionsvorsitzende der Grünen im Landtag vom 15.– 19.10.2018 in Schleswig-Holstein unterwegs, um sich persönlich ein Bild von den unterschiedlichsten Glaubensgemeinschaften im Land zu machen.

Menschen wollen ihren Glauben leben

In der Öffentlichkeit habe Religion mittlerweile eine vielfach abschreckende Wirkung, weil die Menschen mit dem Islam oft gleich Terror, mit der katholischen Kirche Kindesmissbrauch und mit den Juden politische Unruhen in Israel in Verbindung brächten. Dem wolle sie entgegenwirken, Positives herausstellen, aber auch Negatives kritisch hinterfragen, „weil hinter jeder Religion Menschen stehen, die einfach ihren Glauben leben wollen. Und die Religionsfreiheit ist ein hohes Gut, verankert in der deutschen Verfassung.“ So standen eine christliche Schule, ein evangelisches Schulungszentrum, ein buddhistischer Hauskreis, eine Diakonissenanstalt, zwei jüdische Gemeinden, ein katholisches Kloster, muslimische Glaubensgemeinschaften sowie eine Freikirche - das Christus-Zentrum Arche (CZA) - auf ihrem Programm.

Eka von Kalben, Hans-Peter Mumssen (Foto: Thorsten Berndt)

Trennung von Staat und Kirche

Die von den Grünen immer wieder geforderte Trennung von Staat und Kirche lebt das CZA als Freikirche jeden Tag. „Da wir keine Babys taufen, sondern nur Menschen, die sich willentlich für ein Leben mit Gott entscheiden, sind wir nicht Teil der Staatskirche“, so Pastor Hans-Peter Mumssen. Die Freiwilligkeit des Einzelnen habe oberste Priorität in der Pfingstgemeinde, die zum Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden (BFP) gehört. Das Glaubensbekenntnis begründe sich allerdings vollkommen auf dem reformatorisch evangelischen und so sei das CZA mit allen Kirchen in Elmshorn auf Augenhöhe. Allerdings sehe er die Freikirchen von den Medien oftmals unberechtigterweise in eine fundamentalistische Ecke gedrängt.

„Wir als Freikirche finanzieren uns ausschließlich von Spenden.“ Dem CZA sei es wichtig, möglichst wenig Geld in Gebäude und möglichst viel in Menschen zu stecken. „Der ZDF-Regisseur hat unseren Versammlungssaal mit einem Augenzwinkern eine Garage mit Kreuz genannt“, erzählt seine Frau Angela Mumssen hinsichtlich der dürftig sakralen Ausstattung der Räumlichkeiten.

Gelebte Integration

Ob in diesen Räumen auch Kirchenasyl gewährt wird, will Frau von Kalben wissen. Theoretisch sei dies möglich, praktisch allerdings schwer umsetzbar, weil täglich rund 120 Menschen Lebensmittel bei der Elmshorner Tafel abholen, dem sozialen Dienst des CZA, der in den Räumlichkeiten der Gemeinde stattfindet. „Außerdem kommen täglich weitere 40 bis 80 Personen zum Mittagstisch der Tafel“, so Dörte Lippold, die diesen Dienst koordiniert.

Dass die Flüchtlingswelle aufgrund der unterschiedlichen Kulturen auch bei der Elmshorner Tafel zeitweise für Unruhe sorgte, wird zwar angemerkt, aber nicht problematisiert. Ein Klima des gegenseitigen Respekts sei oberstes Ziel. Mittlerweile kommen 30 Geflüchtete regelmäßig zum sonntäglichen Gottesdienst, der simultan über Kopfhörer in Farsi übersetzt wird. Kritisch sei der Umgang mit den Geflüchteten nach Erfahrung von Hans-Peter Mumssen vielfach vor deutschen Gerichten, „wo den asylantragstellenden Menschen nicht geglaubt wird, dass sie Christen sind. Sie werden in Sippenhaft genommen, weil es Einzelne gibt, die den christlichen Glauben nur als Fahrkarte in die deutsche Gesellschaft annehmen. Auch mir als Pastor, der ich immer wieder als Fürsprecher für Einzelne vor Gericht aussage, die ich persönlich kenne und über Monate begleite, wird schlichtweg nicht geglaubt“, so Pastor Mumssen. Nichtsdestotrotz helfen mittlerweile viele iranische Mitbürger auch bei der Tafel mit. „Gelebte Integration“, findet Eka von Kalben.

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Religionsfreiheit

Integration müsse auch an Schulen stattfinden. Und sie erzählt, dass die Grünen auf eine interreligiöse Wertevermittlung an Schulen setzen, in denen der Religionsunterricht derzeit auf evangelische und katholische Religion beschränkt sei. Christian Turkat leitet die Jugendarbeit im CZA. Zu den Jugendgottesdiensten kommen jeden Freitag zwischen 30 und 40 Jugendliche zwischen 12 und 21 Jahren. Er ist selbst Lehrer und erzählt, dass er Religionsunterricht an Schulen vielfach gar nicht mehr konfessionsgebunden erlebe. Stattdessen würden Jugendliche, die ihren Glauben offen bekennen, von Religionslehrern belächelt werden. Wieder ein Anlass zum Diskurs in dieser Gesprächsrunde, in der Eka von Kalben am Ende feststellt: „Auch der Humanismus ist ein Glaube an einen Nicht-Gott.“ Ihrer Auffassung nach sei jeder Mensch auf der Suche und habe eine religiöse Sehnsucht. Deshalb müsse der angedachte interreligiöse Schulunterricht auf gegenseitigem Respekt, aber vor allem auf der Einhaltung des Grundgesetzes gegründet sein. Dem fügt Pastor Mumssen hinzu: „Wichtig ist, sich immer wieder klarzumachen, dass Religionsfreiheit auf christlichen Wurzeln gewachsen ist.“

Und so endet nach zwei Stunden aus zeitlichen Gründen der Austausch, weil die Presse vor der Tür steht und der nächste Termin bei den Aleviten im Rahmen der Religionstour ansteht. Schnell werden noch Fotos gemacht: in der „Garage mit Kreuz“, wie der ZDF-Regisseur so schön sagte.

Esther Dymel-Sohl

von links: Christian Turkat (CZA), Bernd Biggemann (die Grünen), Silvia Meißner-von Frühlich (die Grünen), Dörte Lippold (CZA), Bent Schubert (die Grünen), Angela Mumssen (CZA), Eka von Kalben (Landtagsabgeordnete der Grünen), Sven Herrmann (die Grünen), Hans-Peter Mumssen (CZA)

ZDF-Fernsehgottesdienst aus dem CZA: "Sehnsucht nach mehr"

Zum Anschauen, Bild anklicken und los geht es in der ZDF-Mediathek...

Aktuelles aus den Kieler Nachrichten (22.05.2018)

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