Elmshorner Tafel: Deutsche bleiben weg

Warenausgabe nutzen zu 92 Prozent Menschen mit Migrationshintergrund

Quelle: Elmshorner Nachrichten, Freitag, 08. Juni 2018


Christian Brameshuber

Elmshorn Nein, über einen Aufnahmestopp für Flüchtlinge haben die Verantwortlichen der Elmshorner Tafel nicht eine Sekunde nachgedacht. Aber die Probleme, die bei der Essener Tafel im Februar dieses Jahres akut wurden und zu einem zeitlich befristeten Aufnahmestopp für Ausländer führten, gibt es auch in Elmshorn – und zwar massiv. Die bedürftigen Deutschen bleiben weg, meiden die Tafel und verzichten somit auf die Lebensmittel. „92 Prozent der Abholer an der Warenausgabe sind inzwischen Menschen mit Migrationshintergrund“, sagt Tafel-Mitarbeiterin Dörte Lippold. Früher war das Verhältnis 50:50. „Wir machen uns Sorgen um die deutschen Bedürftigen in Elmshorn“, betont Lippold.

Das Fernbleiben der Bedürftigen Menschen mit deutschem Pass hat laut Pastor Peter Mumssen vom Christus Zentrum Arche als Träger der Elmshorner Tafel vielfältige Gründe. Er bestätigt, dass die oft in Männergruppen auftretenden Flüchtlinge „bedrohlich wirken können“, vor allem auf Frauen, die bei Hartz-IV-Beziehern oft die Lebensmittel abholen. Es komme auch immer wieder zu Konflikten unter verschiedenen Flüchtlingsgruppen. Laut Mumssen fühlen sich viele Deutsche benachteiligt, glauben, dass jetzt alles an die Flüchtlinge verteilt werde. Die Neiddebatte sei in vollem Gange. Manche Hartz-IV-Empfänger wollten zudem nicht auf eine Stufe mit Flüchtlingen gestellt werden. Auch deshalb blieben sie der Tafel fern.

Die Elmshorner Tafel steuert jetzt gegen: Ein neues Frühstücksangebot soll vor allem deutsche Bedürftige in die Einrichtung in der Lornsenstraße locken, in der Hoffnung, dass sie dann auch wieder Lebensmittel abholen. Verkehrte Welt: „Es geht ein Stück weit um die Re-Integration der deutschen Bedürftigen“, sagt Pastor Mumssen. Deutsche gegen Ausländer? Nein, da spielt das Elmshorner Tafel-Team nicht mit. „Wir setzen auf integrative Modelle. Aber das braucht Zeit“, betont er.

92 Prozent Migrantenanteil in Elmshorn: Das ist der Spitzenwert der Tafeln im Kreis. In Uetersen liegt er bei 75 Prozent, in Pinneberg bei 70 Prozent. In Schenefeld liegt er etwa bei 50 Prozent.

Die Tafel lädt zum Grillfest ein

Feier am 15. Juni in der Einrichtung an der Lornsenstraße / Dank an die Unterstützer und Spender

Quelle: Elmshorner Nachrichten, Freitag, 08. Juni 2018

Christian Brameshuber

Elmshorn Priscila Campos kümmert sich um die Brötchen und den Kaffee. Die Kolumbianerin ist über den internationalen Bundesfreiwilligendienst nach Elmshorn gekommen und wird noch bis September 2019 in der Elmshorner Tafel in der Lornsenstraße mit anpacken. Das Frühstück von 9 bis 9.45 Uhr: Das Angebot an vier Tagen in der Woche ist neu in der Einrichtung. „Wir haben pro Woche zirka 25 Teilnehmer“, sagt Tafel-Mitarbeiterin Dörte Lippold. Ganz gezielt sollen mehr deutsche Bedürftige wieder an die Tafel herangeführt werden. Die nutzen kaum noch die Lebensmittelausgabe. Viel haben der Einrichtung den Rücken gekehrt. „Aber wir vergessen diese Menschen nicht, sondern bemühen uns um sie“, betont Lippold.

In der Lornsenstraße und und in der Warenausgabe am Hainholzer Damm werden pro Woche bis zu 1000 Lebensmittelpakete an bedürftige Menschen verteilt. Dazu gibt es den täglichen Mittagstisch in der Einrichtung an der Lornsenstraße. Hier werden bis zu 100 Essen am Tag ausgegeben. „Es wird gekocht, was da ist“, sagt Pastor Hans-Peter Mumssen vom Christus Zentrum Arche. Spezielle Angebote für Muslime gebe es nicht.

Wie schwer und langwierig Integration ist, erfahren die Tafel-Mitarbeiter immer wieder vor Ort. „Ethnische Konflikte werden auch vor unserer Haustür ausgetragen“, sagt Lippold. Die Tafel setzt auf Deeskalation und nutzt – wenn nötig – auch ehrenamtliche Sicherheitskräfte. „Die Integration der Menschen muss uns gelingen. Das ist unser Schicksal für die nächsten 50 Jahre“, betont Mumssen. Für Freitag, 15. Juni, lädt die Tafel die Elmshorner zum Grillfest ein. Beginn ist um 12 Uhr in der Einrichtung in der Lornsenstraße 53. „Wir möchten unsere Arbeit vorstellen, uns aber auch für die Unterstützung bedanken, bei den Sponsoren und den Firmen, die uns ihre Waren überlassen“, sagt Lippold. Beim Grillfest wird die Einrichtung unter anderem von Döllinghareico, von Famila und Marktkauf unterstützt.

Aber auch neue Unterstützer sollen gefunden werden. Denn die Tafel – hier engagieren sich 60 Helfer – ist auf Spenden angewiesen. Zuletzt wurde ein gebrauchter Kühlwagen angeschafft. Kosten: 10 000 Euro. Lippold möchte gern eine Teestube als richtigen Frühstücksraum realisieren. „Ein Wintergarten als Anbau wäre fantastisch.“